Als sich am 21. September 2015 in der Stadthalle der Kanalstadt Datteln die Türen öffneten, stand schnell fest: Die Diskussion um das umstrittene Kraftwerksprojekt „Datteln 4“ würde auch in diesem Herbst kein Ende finden – im Gegenteil. Mit dem Start eines groß angelegten Erörterungstermins begann eine Sitzung, die von Beginn an auf Ausdauer ausgelegt war: Acht Werktage waren zunächst vorgesehen, notfalls sogar mehr. Ein Termin, der weniger wie eine reguläre Anhörung wirkte, sondern eher wie eine politische und gesellschaftliche Bestandsaufnahme eines Konflikts, der sich längst über Jahre aufgebaut hatte.
Volle Reihen – aber nicht nur aus der Bürgerschaft
Schon am Vormittag war die Halle gut gefüllt. Rund 300 Personen waren vor Ort – ein überraschend hoher Zuspruch, wenn man die Länge und Komplexität des Verfahrens bedenkt. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich allerdings ein klares Bild: Ein Großteil der Anwesenden bestand aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Energiekonzerns, der das Projekt verantwortete. Viele von ihnen traten erkennbar als Unterstützer auf und sorgten dadurch bereits zu Beginn für eine gereizte Atmosphäre.
Kritiker äußerten den Eindruck, dass die sichtbare Präsenz des Unternehmens – auch durch einheitliche Kleidung – auf Gegner einschüchternd wirken könne. Die Bezirksregierung reagierte darauf mit dem Hinweis, man sei von dieser Mobilisierung überrascht worden, versicherte aber zugleich, dass dies keinerlei Einfluss auf den Ablauf oder die Offenheit der Diskussion haben dürfe.
Bekannte Stimmen eines langjährigen Konflikts
Inhaltlich war der Termin geprägt von bekannten Akteuren, die die Auseinandersetzung um den Standort bereits seit Jahren begleiten. Vertreter von Umweltverbänden, Bürgerinitiativen, Juristen und betroffene Anwohner kamen ebenso zu Wort wie Projektverantwortliche und Behördenvertreter.
So war unter anderem BUND-Geschäftsführer Dirk Jansen vor Ort, ebenso wie der Berliner Rechtsanwalt Phillip Heinz, der bereits früher Anwohner in der Angelegenheit vertreten hatte. Auch das Ehepaar Greiwing, das als direkt betroffene Kritiker in der Vergangenheit eine bedeutende Rolle spielte, nahm an der Sitzung teil. Die Konstellation zeigte: Diese Erörterung war kein Neuanfang, sondern ein weiteres Kapitel eines lange geführten Streits.
Projektstand: weit fortgeschritten, aber weiterhin umstritten
Seitens des Konzerns stellte Projektleiter Andreas Willeke den Stand des Vorhabens dar: Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten noch rund 60 Personen auf der Baustelle, während in den Hochphasen des Baus zeitweise deutlich über tausend Beschäftigte eingesetzt worden waren. Nach Angaben der Projektverantwortlichen war das Kraftwerk bereits zu 70 bis 80 Prozent fertiggestellt – je nachdem, welche Berechnung man zugrunde lege.
Gerade diese Zahlen machten den Konflikt zusätzlich brisant: Denn je weiter das Bauvorhaben voranschritt, desto stärker geriet die Frage in den Mittelpunkt, wie realistisch ein späterer Stopp überhaupt noch wäre – und welche Kosten und Konsequenzen damit verbunden wären.
Kritikpunkte: Wirtschaftlichkeit, Standort, Abstand zur Wohnbebauung
Die Gegner des Projekts griffen in ihren Beiträgen zentrale Argumente erneut auf. Einer der wichtigsten Punkte war die wirtschaftliche Tragfähigkeit: Aus Sicht von Umweltverbänden drohe dem Kraftwerk selbst im Betriebsfall ein dauerhafter wirtschaftlicher Verlust.
Auch juristisch blieb der Standort ein zentraler Streitpunkt. Besonders stark betont wurde erneut der geringe Abstand zur Wohnbebauung, der deutlich unter den in entsprechenden Regelwerken vorgesehenen Orientierungswerten liege. Für Kritiker war dies ein Hinweis darauf, dass das Projekt an einem Ort geplant worden sei, der grundsätzlich nicht geeignet sei.
Einige Redebeiträge machten deutlich, wie verhärtet die Fronten inzwischen waren: Während die eine Seite den Weiterbau als notwendigen Schritt betrachtete, forderten Gegner offen, das Vorhaben aufzugeben – bis hin zu der Forderung nach vollständigem Rückbau.
Ein Verfahren mit offenem Ausgang – und sinkendem Publikum
So groß die Aufmerksamkeit am Morgen war: Nach der Mittagspause kehrte Ernüchterung ein. Die Reihen lichteten sich deutlich. Statt hunderter Zuhörer waren nur noch wenige im Saal – ein Zeichen dafür, wie schwer es selbst politisch interessierten Menschen fällt, ein derart langes Verfahren über Stunden und Tage hinweg zu verfolgen.
Trotzdem blieb der Termin inhaltlich bedeutsam. Denn die Erörterung war nicht nur Bühne für Positionen, sondern auch Bestandteil eines formellen Verwaltungsprozesses. Für Beobachter galt daher: Auch wenn viele Argumente längst bekannt waren, konnte jedes Detail im weiteren Verfahren relevant werden – sei es in Genehmigungsfragen, in juristischen Auseinandersetzungen oder in der öffentlichen Debatte.
Fazit
Die Marathon-Erörterung im September 2015 zeigte vor allem eines: „Datteln 4“ war bereits damals mehr als ein Kraftwerksprojekt – es war ein Symbol für grundlegende Konflikte zwischen Energiepolitik, Wirtschaft, Umwelt- und Gesundheitsschutz sowie Bürgerbeteiligung.
Ob neue Erkenntnisse entstehen würden, war unklar. Sicher war nur: Der Streit war auch zehn Jahre nach Beginn der Debatte nicht ermüdet – selbst wenn das Publikum am Ende des Tages deutlich kleiner war als am Anfang.

