Der frühere Theaterintendant Dr. Manfred Beilharz hat seinen künstlerischen Nachlass der Landeshauptstadt Wiesbaden geschenkt. Am Donnerstag, 22. Januar, unterzeichnete er im Kulturdezernat am Schillerplatz den Schenkungsvertrag. Kulturdezernent und Stadtkämmerer Dr. Hendrik Schmehl nahm die Übergabe für das Stadtarchiv entgegen. Gut dreißig Kisten mit Materialien sollen in den kommenden Wochen abgeholt und archiviert werden.
Vertragsunterzeichnung und Umfang der Schenkung
Die Übergabe erfolgte formal mit der Unterschrift von Beilharz, Dr. Hendrik Schmehl und Stadtarchivleiter Dr. Peter Quadflieg. Erste Kontakte zwischen Beilharz und dem Stadtarchiv hatten bereits 2019 stattgefunden. Dr. Schmehl sagte, die Stadt sei dankbar, dass Beilharz das Stadtarchiv für die Aufbewahrung ausgewählt habe. Dr. Quadflieg hob hervor, dass der Bestand nicht nur die Intendanz in Wiesbaden abdecke, sondern die internationale Dimension von Beilharz Karriere sichtbar mache.
Bestand: Programme, Fotos und Korrespondenzen
Zum Vorlass gehören unter anderem Programmhefte, Fotos, Spielzeitprogramme, Inszenierungs-Skizzen, Briefe und sonstige Korrespondenzen sowie Presse-Ausschnitte. Die Dokumente bilden laut Archivleitung insbesondere die Gastspiele und Festivals ab, mit denen Beilharz immer wieder international tätig war. Mehrere Theaterproduktionen des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden reisten demnach als Gastspiele auch nach China und in zehn weitere europäische Staaten.
Ein persönliches Objekt brachte Beilharz zur Unterzeichnung mit: ein Schofar, ein altes israelisches Blasinstrument aus Antilopenhorn. Es war ein Geschenk der damaligen Intendantin der New Israeli Opera in Tel Aviv, Hanna Munitz, und erinnert an Beilharz Inszenierungen in Israel. Beilharz erinnerte an die Erstaufführung von Alban Bergs Wozzeck in Wiesbaden 2003 sowie an die darauf folgende Inszenierung in Tel Aviv 2005 unter der musikalischen Leitung von Asher Fisch. Die Aufführung in Tel Aviv zog damals auch eine Delegation aus Deutschland mit dem Bundespräsidenten an und wurde mehrfach gespielt. Während der kleinen Zeremonie im Kulturdezernat entlockte Beilharz dem Schofar einen Ton.
Rückblick auf eine mehr als fünfzigjährige Karriere
Beilharz, geboren in Böblingen, begann seine Laufbahn nach dem Studium der Germanistik, Rechtswissenschaft und Theaterwissenschaft und einer Promotion in Theater- und Urheberrecht als Regieassistent an den Kammerspielen in München. Insgesamt führte ihn seine Theaterlaufbahn neun Umzüge: Stationen waren das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel, das Landestheater Tübingen, die Städtischen Bühnen Freiburg, das Staatstheater Kassel, das Theater der Bundesstadt Bonn und das Hessische Staatstheater Wiesbaden. In Bonn war er ab 1991 zunächst Intendant des Schauspiels und ab 1997 Generalintendant der vereinigten Häuser. 2002 wechselte er nach Wiesbaden, wo er mehr als ein Jahrzehnt das Staatstheater prägte.
Neben seinen Intendanzen gründete Beilharz mehrere Festivals, darunter die Biennale Neue Stücke aus Europa, das Theaterfestival Freiburg, das Festival Spielräume zur documenta 8 und das Festival Theater im Aufbruch mit Schwerpunkt sowjetisches Theater nach Perestrojka und Glasnost. Internationales Engagement zeigte er auch im Internationalen Theaterinstitut der UNESCO, dessen Weltpräsident er von 2002 bis 2008 war und dessen Ehrenpräsident er heute ist. Zudem war er als Lehrbeauftragter an Hochschulen in Frankfurt am Main und Mainz tätig. Für sein Wirken wurde er mit mehreren Auszeichnungen geehrt, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande, der Goethe-Plakette und dem Hessischen Verdienstorden.
Beilharz selbst zog als Bilanz seiner Arbeit die Verbindung von regionaler Verwurzelung und internationaler Öffnung: „Meine Theaterarbeit ist geprägt von regionalen Aspekten, ästhetischen Herausforderungen, der Internationalität im eigenen Programm sowie durch teilweise neu gegründete Festivals und ist daher am Ende immer politisch“, sagte er. Der 87 Jahre alte Theatermacher lebte nach seiner Zeit in Wiesbaden ab 2014 kurz in Düsseldorf und zog anschließend wieder nach Wiesbaden.
Forschungsperspektiven und abschließende Worte
Archivleiter und Kulturdezernent betonten, dass der Nachlass für die Forschung zur Theatergeschichte und zu internationalen Austauschbeziehungen von Bedeutung sein werde. Beilharz selbst verwies bei der Übergabe auf aktuelle politische Entwicklungen und forderte einen Neuanfang im internationalen kulturellen Austausch. „Leider haben sich inzwischen in Russland, in Europa und in Israel, und nicht nur dort, die politischen Verhältnisse geändert. Es wäre an der Zeit, die Uhr zurückzudrehen und einen Neuanfang zu wagen“, sagte er.
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