Wer durch Erbach, Hattenheim, Rauenthal oder weiter Richtung Geisenheim und Rüdesheim fährt, kann leicht den Eindruck bekommen, der Weinbau gehöre zum Rheingau wie der Rhein selbst. Rebstöcke ziehen sich über die Hänge, Weingüter prägen die Ortskerne und Riesling gehört längst zur regionalen Identität.
Doch hinter dieser scheinbaren Selbstverständlichkeit findet gerade ein tiefgreifender Wandel statt.
Der Weinbau steht gleichzeitig unter wirtschaftlichem, klimatischem und strukturellem Druck. Der Weinkonsum sinkt, Kosten steigen, Betriebe müssen Nachfolger finden und manche Rebflächen lassen sich wirtschaftlich kaum noch bewirtschaften. Gleichzeitig verändert der Klimawandel genau jene Bedingungen, auf denen der Erfolg des Rheingauer Rieslings jahrhundertelang aufgebaut hat.
Die Frage lautet deshalb längst nicht mehr nur, wie der nächste Jahrgang wird.
Sie lautet: Wie viel Weinbau wird es im Rheingau in zehn oder zwanzig Jahren überhaupt noch geben und wie wird die Landschaft dann aussehen?
Mehr als 3.000 Hektar, die den Rheingau prägen
Nach Angaben des Deutschen Weininstituts verfügte das Anbaugebiet Rheingau 2025 über 3.117 Hektar Rebfläche. Davon entfielen 2.355 Hektar auf Riesling. Hinzu kommen 129 ausgewiesene Einzellagen.
Damit ist der Weinbau weit mehr als ein einzelner Wirtschaftszweig.
Er bestimmt, wie große Teile der Region aussehen.
Die offenen Weinbergshänge zwischen Rhein und Taunus existieren nicht einfach von selbst. Sie sind eine vom Menschen geschaffene und über Generationen gepflegte Kulturlandschaft.
Wenn dort irgendwann keine Reben mehr stehen, verändert sich deshalb nicht nur die Landwirtschaft.
Es verändert sich der Rheingau.
Der vielleicht größte Druck kommt derzeit vom Markt
Dabei ist ausgerechnet der Absatz momentan eines der größten Probleme.
2025 kauften private Haushalte in Deutschland nach einer Analyse des Deutschen Weininstituts rund sieben Prozent weniger Wein als im Vorjahr. Auch die mit diesen Einkäufen erzielten Umsätze gingen um etwa sieben Prozent zurück.
Der Rückgang ist damit keine kleine kurzfristige Schwankung.
Auch der langfristigere Blick zeigt nach unten.
Der durchschnittliche Weinkonsum der über 16-Jährigen sank im Weinwirtschaftsjahr 2024/2025 von 22,2 auf 21,5 Liter pro Person. Das entspricht ungefähr einer Flasche Wein weniger je Einwohner innerhalb eines Jahres. Als Gründe nennt das Deutsche Weininstitut unter anderem veränderte Konsumgewohnheiten, höhere Lebenshaltungskosten und den demografischen Wandel.
Für Winzer bedeutet das einen schwierigen Spagat.
Sie müssen höhere Kosten finanzieren, können diese aber nicht beliebig über höhere Flaschenpreise an ihre Kunden weitergeben, wenn gleichzeitig weniger Wein gekauft wird.
Die Flasche muss mehr finanzieren als nur die Trauben
Von außen wirkt Weinbau häufig romantisch.
Reben schneiden, Trauben lesen, Wein ausbauen und anschließend verkaufen.
In Wirklichkeit steckt hinter jeder Flasche ein Betrieb mit erheblichen Kosten.
Reben müssen über das gesamte Jahr gepflegt werden. Maschinen benötigen Kraftstoff und Wartung. Pflanzenschutz, Bewässerung, Weinbergsarbeiten, Kellertechnik, Flaschen, Verschlüsse, Etiketten, Kartons, Lagerung, Energie, Versand und Vermarktung müssen bezahlt werden.
Hinzu kommt Arbeit.
Seit dem 1. Januar 2026 beträgt der gesetzliche Mindestlohn 13,90 Euro pro Stunde. 2025 waren es noch 12,82 Euro. Zum 1. Januar 2027 steigt die gesetzliche Untergrenze bereits auf 14,60 Euro. Der Mindestlohn gilt grundsätzlich auch für Saisonarbeitskräfte.
Gerade im arbeitsintensiven Weinbau ist das relevant.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Beschäftigte weniger verdienen sollten. Es zeigt vielmehr, weshalb Arbeitskosten in der wirtschaftlichen Kalkulation eines Weinguts einen immer größeren Stellenwert bekommen.
Einfach höhere Preise verlangen funktioniert nicht
Eigentlich wäre die betriebswirtschaftliche Antwort auf höhere Kosten simpel: Der Wein wird teurer.
Doch der Markt setzt Grenzen.
Eine Analyse deutscher Weingüter zeigte bereits für 2024, dass deren Absatz nur noch 88 Prozent des Niveaus von 2021 erreichte. Der durchschnittliche Erlös lag bei etwa 7,20 Euro je Liter, was rund 5,40 Euro für eine 0,75-Liter-Flasche entspricht. Besonders wichtig blieb die Direktvermarktung, die 46 Prozent des Umsatzes ausmachte.
Das ist eine interessante Zahl.
Denn zwischen einer Flasche, die für 5,40 Euro Erlös verkauft wird, und einem Wein für 15, 20 oder 30 Euro liegen völlig unterschiedliche Geschäftsmodelle.
Renommierte Rheingauer Weingüter mit bekannten Lagen und treuer Kundschaft können hohe Qualitäten entsprechend positionieren.
Schwieriger wird es für Betriebe, die stärker über Menge, Handel oder preisbewusste Kundschaft verkaufen.
Der wirtschaftliche Druck trifft deshalb nicht alle Winzer gleich.
Direktverkauf ist im Rheingau besonders wichtig
Der Rheingau besitzt allerdings einen Vorteil.
Das Deutsche Weininstitut weist ausdrücklich darauf hin, dass hier ein vergleichsweise hoher Anteil hauptberuflicher Winzer tätig ist und viel Wein als Flaschenwein direkt an Endverbraucher verkauft wird.
Genau darin steckt eine große Chance.
Wer seinen Wein direkt im eigenen Gut verkauft, gibt nicht einen erheblichen Teil der Marge an Zwischenhändler ab.
Weinprobierstände, Gutsausschänke, Veranstaltungen, Weinwanderungen, Vinotheken und Übernachtungsangebote sind deshalb nicht nur touristische Extras.
Sie können Teil des wirtschaftlichen Überlebensmodells eines Weinguts sein.
Der Winzer verkauft dann nicht ausschließlich eine Flüssigkeit in einer Flasche.
Er verkauft Herkunft, Landschaft, persönliche Begegnung und ein Erlebnis.
Der Rheingau konkurriert nicht nur mit anderen deutschen Regionen
Gleichzeitig ist Wein ein internationaler Markt.
Im deutschen Weinabsatz kamen heimische Weine 2025 auf einen Mengenmarktanteil von rund 42,6 Prozent. Der größere Teil des hierzulande gekauften Weins stammt also weiterhin aus dem Ausland. Italien erreichte 17 Prozent, Spanien 13 Prozent und Frankreich neun Prozent.
Ein Rheingauer Weingut konkurriert damit nicht nur mit Rheinhessen, Mosel oder Pfalz.
Im Supermarktregal steht der Riesling möglicherweise neben einem Pinot Grigio aus Italien, einem Rioja aus Spanien oder einem Sauvignon Blanc aus Übersee.
Diese Weine entstehen teilweise unter völlig anderen Kostenstrukturen.
Der Rheingau kann diesen Wettbewerb kaum über den niedrigsten Preis gewinnen.
Seine Stärke muss deshalb woanders liegen: Qualität, Herkunft, Direktkontakt und eine unverwechselbare Region.
Gleichzeitig verändert sich das Klima
Doch selbst wenn der Markt funktionieren würde, bliebe eine zweite große Herausforderung.
Der Klimawandel verändert die Bedingungen im Weinberg.
Die Hochschule Geisenheim untersucht seit Jahren, welche Folgen höhere Temperaturen, Trockenheit, veränderte Niederschläge und eine frühere Entwicklung der Reben haben.
Genannt werden unter anderem Trockenstress, frühere Reife, sinkende Säurewerte, Sonnenbrand, Hitzewellen, Spätfrost und Starkniederschläge.
Gerade für Riesling ist das relevant.
Die Rebsorte profitiert traditionell davon, dass sie vergleichsweise spät reift. Eine lange Reifeperiode kann Aromaentwicklung und das charakteristische Verhältnis von Frucht und Säure fördern.
Wenn sich die Vegetationsperiode immer weiter nach vorne verschiebt, verändert sich dieses Gleichgewicht.
Schon der Kalender der Rebe verschiebt sich
Wie konkret diese Veränderung sein kann, zeigen die Daten aus Geisenheim.
Für Riesling wurde 2026 der Beginn der Blüte bereits für den 31. Mai erfasst beziehungsweise prognostiziert. Die Vollblüte folgte am 4. Juni.
Beide Entwicklungsstadien lagen damit laut Hochschule Geisenheim etwa acht Tage vor dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020.
Acht Tage mögen im Alltag wenig erscheinen.
Für Pflanzenentwicklung sind sie erheblich.
Denn eine frühere Entwicklung bedeutet nicht automatisch nur Vorteile.
Reben können beispielsweise früher austreiben und dadurch bei einem späteren Kälteeinbruch bereits empfindliche grüne Triebe besitzen.
Klimawandel bedeutet deshalb nicht schlicht: Es wird wärmer und Wein wächst besser.
Er verändert ein hochkomplexes Zusammenspiel aus Temperatur, Wasser, Entwicklungszeitpunkt, Krankheiten und Extremwetter.
Mehr Wärme kann dem Riesling helfen und gleichzeitig schaden
Historisch profitierte der Rheingau von einem vergleichsweise kühlen Weinbauklima.
Die Süd- und Südwestausrichtung vieler Weinberge sorgt für viel Sonneneinstrahlung. Gleichzeitig bringen Taunus und regionale Luftströmungen kühlere Bedingungen.
Diese Balance war für Riesling nahezu ideal.
Doch wenn die Durchschnittstemperaturen steigen, verschiebt sich das System.
Zunächst kann Wärme durchaus positiv sein. Trauben werden zuverlässiger reif und manche problematischen kühlen Jahrgänge vergangener Jahrzehnte werden seltener.
Irgendwann kippt der Vorteil jedoch.
Dann geht es darum, Trauben vor zu großer Hitze zu schützen, Wasser im Boden zu halten und zu verhindern, dass Zucker schneller steigt als Aromatik und physiologische Reife.
Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, den Klimawandel pauschal als gut oder schlecht für Wein zu beschreiben.
Die Herausforderung besteht darin, den Rheingauer Stil unter neuen Bedingungen zu erhalten.
In Geisenheim wird bereits am Weinberg der Zukunft geforscht
Direkt im Rheingau entstehen mögliche Antworten.
Die Hochschule Geisenheim betreibt beispielsweise das Forschungsprojekt VitiVoltaic. Dabei wachsen Rieslingreben unter teilweise transparenten Photovoltaikmodulen.
Untersucht wird, ob die Module die Reben vor starker Sonneneinstrahlung, Trockenstress, Hagel und Starkregen schützen können.
Regenwasser kann aufgefangen und gespeichert werden. Gleichzeitig produziert die Anlage Strom, der theoretisch unter anderem für Frostschutzmaßnahmen oder andere Arbeiten im Weinberg genutzt werden kann.
Das klingt futuristisch.
Doch genau solche Experimente zeigen, wie stark sich Weinbau verändern könnte.
Der Weinberg der Zukunft muss möglicherweise gleichzeitig Trauben produzieren, Wasser speichern, Biodiversität fördern und Energie erzeugen.
Selbst unter der Erde wird nach Lösungen gesucht
Andere Forschungsprojekte setzen noch grundlegender an.
Beim Projekt RhizospheRebe untersucht die Hochschule Geisenheim, ob bestimmte Bodenpilze die Wasser- und Nährstoffaufnahme der Reben verbessern können.
Im Fokus steht unter anderem die Frage, ob sogenannte Mykorrhizapilze dabei helfen können, Reben widerstandsfähiger gegen Trockenheit zu machen.
Auch neue Unterlagsreben werden entwickelt.
2024 wurden beispielsweise zwei in Geisenheim gezüchtete reblausresistente Unterlagssorten offiziell zugelassen. Solche Entwicklungen können langfristig dabei helfen, Reben besser an unterschiedliche Standorte und zukünftige Bedingungen anzupassen.
Der Weinbau reagiert also längst.
Die Frage ist nicht, ob sich etwas verändert.
Die Frage ist, wie schnell Betriebe diese Veränderungen wirtschaftlich umsetzen können.
Investitionen kosten wiederum Geld
Genau hier treffen Klimawandel und wirtschaftlicher Druck aufeinander.
Bewässerungssysteme, neue Rebanlagen, andere Erziehungsformen, moderne Kellertechnik oder neue Maschinen können einen Betrieb widerstandsfähiger machen.
Aber sie müssen finanziert werden.
Hessen unterstützt deshalb beispielsweise die Umstrukturierung von Rebflächen, die Installation von Bewässerungsanlagen und Investitionen in Kellertechnik und Vermarktung.
Für bestimmte Investitionen in der Kellerwirtschaft sind Zuschüsse von bis zu 25 Prozent des förderfähigen Investitionsvolumens möglich.
Das zeigt gleichzeitig, wie kapitalintensiv moderner Weinbau geworden ist.
Wer heute ein Weingut übernimmt, übernimmt nicht nur Weinberge.
Er übernimmt die Verantwortung für ein Unternehmen, das permanent investieren muss.
Und genau dann stellt sich die Nachwuchsfrage
Damit kommt der dritte große Strukturbruch ins Spiel.
Weingüter werden häufig über Generationen geführt.
Doch eine Hofübergabe funktioniert nur, wenn die nächste Generation bereit ist, Verantwortung, wirtschaftliches Risiko und enorme Arbeitsbelastung zu übernehmen.
Die Hochschule Geisenheim widmete dem Thema 2026 gemeinsam mit dem Deutschen Weinbauverband sogar eine eigene Fachveranstaltung unter dem Titel „Weinbau für Generationen gestalten“.
Dort wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass eine schlecht geplante Unternehmensnachfolge zu den größten Risiken eines Familienbetriebes gehören kann.
Auch mit jungen Rheingauer Winzerinnen und Winzern steht die Hochschule gezielt im Austausch, um herauszufinden, welche aktuellen und zukünftigen Herausforderungen sie bei ihren Entscheidungen beschäftigen.
Das ist wichtig.
Denn Tradition allein reicht nicht aus, um einen Betrieb weiterzuführen.
Die nächste Generation muss auch eine wirtschaftliche Perspektive sehen.
Der Strukturwandel ist längst messbar
Deutschlandweit lässt sich bereits erkennen, wie stark sich der Weinbau verändert.
2010 gab es noch rund 20.290 landwirtschaftliche Betriebe mit Rebfläche.
2023 waren es nur noch etwa 14.150.
Damit ist die Zahl innerhalb von dreizehn Jahren um rund 30 Prozent gesunken. Gleichzeitig nahm die von diesen Betrieben bewirtschaftete Rebfläche insgesamt sogar leicht zu.
Das bedeutet vereinfacht:
Weniger Betriebe bewirtschaften größere Flächen.
Der Weinbau verschwindet damit nicht automatisch.
Aber er konzentriert sich.
Größere Betriebe übernehmen Flächen kleinerer Betriebe, während manche Familienweingüter aufgeben oder ihre Rebflächen verpachten.
Für Regionen wie den Rheingau kann genau das das Erscheinungsbild und die soziale Struktur des Weinbaus verändern.
Im Rheingau wird bereits über aufgegebene Flächen gesprochen
Besonders deutlich wird die Situation bei einem Angebot des Rheingauer Weinbauverbandes.
Der Verband betreibt inzwischen eine eigene Flächenbörse für Weinberge.
Dort können Eigentümer Flächen melden, die nicht mehr bewirtschaftet werden oder für die kein Pächter gefunden wird.
Der Weinbauverband beschreibt selbst einen tiefgreifenden Wandel. Steigende Kosten und veränderte Marktbedingungen führten dazu, dass immer mehr Weinbergsflächen aufgegeben oder stillgelegt würden. Teilweise würden Flächen bereits gerodet.
Das ist ein bemerkenswerter Vorgang.
In einer Region, deren Identität so eng mit Wein verbunden ist, muss inzwischen aktiv vermittelt werden, damit Weinberge überhaupt einen neuen Bewirtschafter finden.
Bis zu 20 Prozent weniger bewirtschaftete Rebfläche?
Noch deutlicher wurde die Diskussion Ende 2025 an der Hochschule Geisenheim.
Bei einer Tagung zur Zukunft der Rheingauer Kulturlandschaft ging es ausdrücklich darum, was passiert, wenn Weinbergsflächen brachfallen.
Der Geschäftsführer des Rheingauer Weinbauverbandes, Dominik Russler, rechnet demnach damit, dass in den kommenden Jahren zehn bis zwanzig Prozent weniger Rebfläche bewirtschaftet werden könnten.
Sollte sich eine Entwicklung in dieser Größenordnung tatsächlich einstellen, wäre das keine kleine Veränderung.
Bei gut 3.100 Hektar heutiger Rebfläche würden zehn Prozent rechnerisch mehr als 300 Hektar entsprechen. Zwanzig Prozent wären mehr als 600 Hektar.
Das wären Flächen in einer Größenordnung, die das Landschaftsbild sichtbar verändern könnte.
Ein aufgegebener Weinberg bleibt nicht einfach ein Weinberg ohne Reben
Genau deshalb ist die wirtschaftliche Krise des Weinbaus auch eine kommunale und ökologische Frage.
Wird eine Rebfläche nicht mehr bewirtschaftet, verschwindet nicht nur die Traubenproduktion.
Offene Flächen können verbuschen.
Trockenmauern und historische Strukturen können verfallen.
Blickachsen verändern sich.
Lebensräume verändern sich.
Und mit ihnen verändert sich die Kulturlandschaft, die Einheimische und Besucher mit dem Rheingau verbinden.
Bei der Geisenheimer Kulturlandschaftstagung wurde deshalb bereits diskutiert, ob frei werdende Flächen beispielsweise für andere Kulturen, Gehölze, ökologische Strukturen oder neue Formen einer multifunktionalen Landschaft genutzt werden könnten.
Das ist möglicherweise eine der wichtigsten Debatten, die der Rheingau in den kommenden Jahren führen muss.
Nicht jeder Weinberg muss um jeden Preis erhalten werden
Dabei wäre es zu einfach, jede aufgegebene Rebfläche automatisch als Verlust zu betrachten.
Manche Standorte sind nur mit hohem Aufwand zu bewirtschaften.
Andere Flächen könnten ökologisch wertvoller werden, wenn dort Hecken, Bäume, Blühflächen oder andere Landschaftselemente entstehen.
Die Hochschule Geisenheim spricht deshalb bewusst von der Chance, Weinbergslandschaften künftig vielfältiger und multifunktionaler zu gestalten.
Der Rheingau muss also nicht zwangsläufig versuchen, jede einzelne Rebzeile exakt so zu erhalten, wie sie heute aussieht.
Aber der Wandel sollte gesteuert werden.
Denn es macht einen erheblichen Unterschied, ob Flächen gezielt ökologisch weiterentwickelt werden oder einfach ungeplant brachfallen, weil sich niemand mehr findet, der sie bewirtschaften kann.
Besonders schwierig sind arbeitsintensive Lagen
Das gilt insbesondere für Hang- und Steillagen.
Wo große Maschinen nur eingeschränkt eingesetzt werden können, steigt der Arbeitsaufwand erheblich.
Hessen unterstützt deshalb den Steillagenweinbau mit direkten Zuschüssen. Je nach Hangneigung liegen diese derzeit zwischen 1.500 und 2.300 Euro je Hektar und Jahr.
Schon die Existenz solcher Förderungen verdeutlicht den Zielkonflikt.
Eine landschaftlich besonders attraktive Weinlage kann gleichzeitig betriebswirtschaftlich besonders schwierig sein.
Wenn die Gesellschaft möchte, dass diese Kulturlandschaften erhalten bleiben, stellt sich deshalb irgendwann die Frage, welchen wirtschaftlichen Wert sie diesem Erhalt beimisst.
Der Tourismus könnte Teil der Lösung sein
Genau an diesem Punkt besitzt der Rheingau einen Vorteil gegenüber vielen anderen landwirtschaftlichen Regionen.
Menschen kommen bewusst wegen der Kombination aus Rhein, Wein, Landschaft, Gastronomie und historischen Orten hierher.
Der Rheingauer Weinbauverband sieht deshalb gerade im Weintourismus weiteres Potenzial, um auf die Absatzkrise zu reagieren.
Ein Weingut kann damit zusätzliche Wertschöpfung erzielen, ohne zwangsläufig immer mehr Wein produzieren zu müssen.
Weinproben, Veranstaltungen, Gutsausschänke, Führungen, Ferienwohnungen oder direkte Verkäufe schaffen einen höheren Wert rund um dieselbe Flasche.
Das könnte langfristig entscheidend werden.
Nicht möglichst viele Liter Wein zu möglichst niedrigen Preisen zu produzieren, sondern mehr Wert aus Herkunft und regionalem Erlebnis zu schaffen.
Der Rheingau verkauft letztlich auch seine Landschaft
Genau deshalb lässt sich Weinwirtschaft hier kaum vom Rest der Region trennen.
Wenn ein Besucher ein Glas Riesling an einem Weinprobierstand in Eltville trinkt, sieht er möglicherweise genau die Weinberge, aus denen dieser Wein stammen könnte.
Diese Verbindung ist wirtschaftlich enorm wertvoll.
Ein Produkt und seine Herkunft lassen sich unmittelbar miteinander erleben.
Doch dafür muss die Landschaft glaubwürdig bleiben.
Wenn immer mehr Weinberge brachfallen, Ortsränder wachsen und traditionelle Strukturen verschwinden, verändert sich irgendwann auch das Produktversprechen „Rheingau“.
Der Schutz der Kulturlandschaft ist deshalb nicht nur Naturschutz.
Er ist auch Wirtschaftsförderung.
Die Krise ist gleichzeitig eine Chance für einen moderneren Weinbau
So bedrohlich manche Entwicklungen wirken, der Rheingau besitzt auch außergewöhnlich gute Voraussetzungen, um darauf zu reagieren.
Mit der Hochschule Geisenheim befindet sich eines der wichtigsten Zentren für Weinbauwissenschaft unmittelbar in der Region.
Winzer können Forschung zu Bewässerung, Klimaanpassung, Rebsorten, Bodenmanagement, Biodiversität und neuen Bewirtschaftungsformen praktisch vor der Haustür verfolgen.
Gleichzeitig besitzt der Rheingau eine starke touristische Marke, renommierte Weingüter, weltbekannte Rieslinglagen und eine lange Tradition der Direktvermarktung.
Das sind erhebliche Standortvorteile.
Vielleicht wird der Weinbau der Zukunft deshalb anders aussehen.
Weniger Betriebe.
Teilweise größere Betriebe.
Mehr Technik.
Mehr ökologische Strukturen.
Neue Rebsorten oder Unterlagen.
Andere Methoden der Bewässerung.
Mehr touristische Angebote.
Und möglicherweise auch weniger Rebfläche.
Das muss nicht zwangsläufig das Ende der Weinregion bedeuten.
Aber es wäre ein anderer Rheingau.
Die wichtigste Frage ist deshalb nicht nur, wie viel Wein produziert wird
Jahrzehntelang konnte man den Erfolg einer Weinregion relativ einfach messen.
Wie groß ist die Rebfläche?
Wie hoch ist die Ernte?
Wie gut ist der Jahrgang?
Wie viele Flaschen werden verkauft?
Für die Zukunft reichen diese Kennzahlen nicht mehr.
Man wird zusätzlich fragen müssen:
Wie viele Betriebe können wirtschaftlich bestehen?
Wie viele junge Menschen übernehmen Weingüter?
Welche Flächen lassen sich langfristig bewirtschaften?
Wie viel Wasser benötigen die Reben?
Wie verändert sich der Riesling?
Welche Weinberge bleiben erhalten?
Was passiert mit aufgegebenen Flächen?
Und wie viel Wertschöpfung bleibt tatsächlich in der Region?
Denn genau daran entscheidet sich, ob Weinbau im Rheingau langfristig mehr bleibt als eine Erinnerung an eine traditionsreiche Vergangenheit.
RheinNahDran meint: Der Rheingau muss nicht jeden Rebstock um jeden Preis konservieren. Aber er sollte sehr genau darauf achten, warum Weinberge verschwinden. Wenn Flächen aufgegeben werden, weil Nachfrage fehlt, Kosten zu hoch sind oder keine nächste Generation mehr übernehmen kann, ist das nicht nur ein Problem einzelner Winzer. Es verändert eine ganze Region. Deshalb braucht der Rheingau einen Weinbau, der wirtschaftlich tragfähig, klimatisch anpassungsfähig und für eine neue Generation attraktiv ist. Denn wer die Weinberge erhalten will, muss zuerst dafür sorgen, dass diejenigen eine Zukunft haben, die sie bewirtschaften.
RheinNahDran. Menschen. Orte. Rheingau.

