Donnerstag, 10.09.2026

RheinNahDran: Zwischen Reben und Neubaugebieten

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Die Nachrichten für Eltville

Wer vom Rhein hinauf in Richtung Taunus blickt, sieht ziemlich genau, warum Stadtentwicklung im Rheingau komplizierter ist als anderswo. Unten liegt der Rhein, darüber ziehen sich Ortslagen, Straßen und Bahntrassen durch das Tal, dahinter beginnen Weinberge, Landwirtschaft und bewaldete Höhen. Dazwischen sollen Menschen wohnen, Betriebe arbeiten, Kinder betreut werden, Autos parken und gleichzeitig möglichst viel von jener Landschaft erhalten bleiben, die Eltville und den Rheingau überhaupt so attraktiv macht.

Genau darin steckt ein Konflikt, der sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen dürfte: Eltville braucht Wohnraum und Entwicklungsmöglichkeiten. Aber jeder zusätzliche Quadratmeter Boden ist in dieser besonderen Kulturlandschaft wertvoll.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob gebaut werden soll. Sie lautet: Wo, wie dicht und für wen wird gebaut?

Rund 17.000 Menschen auf begrenztem Raum

Eltville am Rhein hatte zum 30. Juni 2025 17.010 Einwohner. Das Stadtgebiet umfasst 46,8 Quadratkilometer, daraus ergibt sich statistisch eine Bevölkerungsdichte von rund 364 Menschen je Quadratkilometer.

Das klingt zunächst nach reichlich Platz. Doch die reine Fläche täuscht.

Zum Stadtgebiet gehören schließlich nicht nur bebaubare Grundstücke. Eltville besteht aus der Kernstadt sowie Erbach, Hattenheim, Martinsthal und Rauenthal. Hinzu kommen Wald, Weinberge, landwirtschaftliche Flächen, Verkehrsachsen, Grünräume und andere Flächen, die entweder nicht bebaut werden können oder aus guten Gründen nicht bebaut werden sollten.

Gerade deshalb wird Stadtentwicklung schnell zur Abwägungsfrage.

Ein neues Wohngebiet bedeutet nicht nur neue Häuser. Es braucht Straßen, Leitungen, Kanalisation, möglicherweise zusätzliche Kita-Plätze, Verkehrslösungen und andere Infrastruktur. Gleichzeitig gehen durch neue Bauflächen möglicherweise Freiräume verloren oder Landschaftsränder verschieben sich.

8.452 Wohnungen und auffällig viele kleine Wohngebäude

Ein Blick auf den Gebäudebestand zeigt, wo ein Teil des Potenzials liegen könnte.

Ende 2024 gab es in Eltville nach Angaben des Hessischen Statistischen Landesamtes 4.196 Wohngebäude mit insgesamt 8.452 Wohnungen. Besonders interessant ist eine weitere Zahl: 2.487 dieser Wohngebäude waren Gebäude mit nur einer Wohnung.

Damit besteht ein erheblicher Teil der Eltviller Wohnstruktur aus vergleichsweise kleinteiliger Bebauung.

Das ist zunächst weder gut noch schlecht. Einfamilienhäuser gehören ebenso zu Eltville wie Mehrfamilienhäuser, historische Gebäude oder Hofanlagen. Die Zahlen zeigen aber, warum die Diskussion über neuen Wohnraum nicht ausschließlich auf neue Baugebiete reduziert werden sollte.

Wenn Boden knapp ist, wird die Frage wichtiger, wie viel Wohnraum auf bereits erschlossenen Flächen geschaffen werden kann.

Dachausbauten, die Umnutzung bestehender Gebäude, zusätzliche Wohnungen auf geeigneten Grundstücken, der Ersatz sehr niedrig bebauter Gebäude durch kompaktere Strukturen und die Entwicklung bereits versiegelter Flächen können Wohnraum schaffen, ohne dass dafür zwangsläufig der nächste Ortsrand erweitert werden muss.

Das Baugesetzbuch formuliert genau diesen Grundgedanken. Mit Grund und Boden soll sparsam umgegangen werden. Vor einer zusätzlichen Flächeninanspruchnahme sollen unter anderem Wiedernutzung, Nachverdichtung, Baulücken und andere Möglichkeiten der Innenentwicklung geprüft werden.

Ein aktuelles Beispiel liegt am Wiesweg

Dass diese Diskussion in Eltville keine abstrakte Zukunftsfrage ist, zeigt der Wiesweg.

Für die Anwesen Wiesweg 69 bis 85 wurde der Bebauungsplan „Wiesweg II“ neu aufgestellt. Die Stadt nannte als ausdrückliches Ziel die Schaffung einer planungsrechtlichen Grundlage für eine verdichtete Bebauung. Gleichzeitig sollten Anforderungen an Klimaschutz und Klimaanpassung berücksichtigt werden.

Am 22. Juni 2026 beschloss die Stadtverordnetenversammlung den Bebauungsplan als Satzung. Seit der Bekanntmachung vom 15. Juli 2026 ist er in Kraft.

Das Beispiel ist für die grundsätzliche Debatte interessant.

Denn Nachverdichtung bedeutet, dass zusätzlicher Wohnraum dort entstehen kann, wo Straßen und andere Infrastruktur bereits vorhanden sind. Genau dadurch lässt sich der Druck reduzieren, immer neue Flächen am Siedlungsrand zu erschließen.

Natürlich hat auch Nachverdichtung Grenzen. Mehr Bewohner bedeuten möglicherweise mehr Verkehr, zusätzlichen Parkdruck und veränderte Nachbarschaften. Grünflächen dürfen innerhalb bebauter Gebiete ebenfalls nicht vollständig verschwinden.

Aber der Wiesweg zeigt einen Ansatz, über den im Rheingau wesentlich stärker gesprochen werden sollte: Nicht jede zusätzliche Wohnung benötigt ein neues Baugebiet.

Auch an der Erbacher Straße wird neu sortiert

Ein zweites Beispiel ist der Bebauungsplan „Erbacher Straße I“.

Das Gebiet liegt zwischen Bahnlinie, Bundesstraße 42, Leinpfad und bestehender Bebauung. Ziel der Neuaufstellung ist unter anderem, bislang nicht bebaubare Flächen nutzbar zu machen, die Voraussetzung für ein Parkhaus zu schaffen und gleichzeitig einen bisherigen Parkplatz in eine Grünfläche umzuwandeln.

Noch bis zum 31. August 2026 lag der aktuelle Bebauungsplan öffentlich aus.

Gerade dieses Beispiel zeigt, dass Stadtentwicklung nicht zwangsläufig nach dem simplen Muster „Grünfläche weg, Gebäude hin“ funktionieren muss.

Flächen können neu geordnet werden. Parkplätze können anders organisiert werden. Bereits erschlossene Bereiche können intensiver genutzt werden. Gleichzeitig können an anderer Stelle Grünflächen entstehen.

Das ist planerisch komplizierter als ein leeres Feld am Ortsrand zu erschließen. Langfristig kann es aber die nachhaltigere Lösung sein.

Baugrundstücke sind offensichtlich kein Massenprodukt

Wie begrenzt der Spielraum ist, zeigt auch ein eher unscheinbarer Hinweis auf der Internetseite der Stadt.

Unter dem Punkt „Baugrundstücke“ heißt es derzeit schlicht: Aktuell stehen keine Baugrundstücke zum Verkauf. Interessenten können sich lediglich auf eine Liste setzen lassen.

Allein daraus lässt sich natürlich keine vollständige Analyse des Eltviller Immobilienmarktes ableiten.

Es zeigt aber, dass kommunales Bauland nicht beliebig verfügbar ist.

Und genau das macht die Frage nach dem Umgang mit vorhandenen Flächen so wichtig.

Weniger Einwohner bedeuten nicht automatisch weniger Wohnungsbedarf

Besonders interessant wird die Diskussion, wenn man auf die langfristige Bevölkerungsentwicklung schaut.

Die aktuelle regionalisierte Bevölkerungsvorausberechnung des Hessischen Statistischen Landesamtes geht für den gesamten Rheingau-Taunus-Kreis von 185.651 Einwohnern im Jahr 2024 und rund 173.983 im Jahr 2050 aus. Das entspräche einem Rückgang um etwa 6,3 Prozent.

Man könnte daraus vorschnell schließen: Wenn langfristig weniger Menschen hier leben, braucht es doch überhaupt keinen zusätzlichen Wohnraum.

So einfach ist es nicht.

Die Zahl der benötigten Wohnungen hängt nicht nur von der Einwohnerzahl ab. Entscheidend ist auch, wie viele Menschen in einem Haushalt leben, welche Wohnungen vorhanden sind und ob diese Wohnungen zum Bedarf passen.

Deutschlandweit und auch in Hessen leben Menschen heute in deutlich kleineren Haushalten als vor einigen Jahrzehnten. Für Hessen errechnete das Statistische Landesamt 2025 nur noch 1,97 Einwohner je vorhandener Wohnung. 1950 waren es rechnerisch noch 4,93.

Eine alternde Bevölkerung verstärkt diesen Effekt zusätzlich. Wenn eine Person nach dem Tod des Partners allein im früheren Familienhaus bleibt, sinkt die Einwohnerzahl nicht unbedingt sofort, aber ein großer Teil der vorhandenen Wohnfläche steht weiterhin nur einem Haushalt zur Verfügung.

Deshalb kann eine Region gleichzeitig weniger Einwohner und trotzdem Bedarf nach bestimmten neuen Wohnungen haben.

Vor allem kleinere, barrierearme Wohnungen können wichtig werden. Wenn ältere Menschen innerhalb ihres Heimatortes aus einem großen Haus in eine passende Wohnung wechseln können, wird im Gegenzug möglicherweise Wohnraum für Familien frei.

Das ist häufig sinnvoller, als am Ortsrand ausschließlich weitere Einfamilienhäuser zu errichten.

Die Weinberge sind keine unbebaute Reservefläche

Im Rheingau kommt eine Besonderheit hinzu, die viele andere Regionen nicht in dieser Form haben.

Die Landschaft ist selbst ein wirtschaftlicher Faktor.

Das Weinbaugebiet Rheingau umfasst rund 3.200 Hektar Rebfläche. Etwa 80 Prozent davon sind mit Riesling, weitere rund zwölf Prozent mit Spätburgunder bestockt. Die besondere Lage entlang des Rheins, die Sonneneinstrahlung und die klimatischen Einflüsse des Taunus gehören zu den Grundlagen dieser Kulturlandschaft.

Weinberge sind deshalb nicht einfach grüne Flächen zwischen zwei Ortslagen.

Sie sind Produktionsfläche, Kulturlandschaft, touristische Attraktion und ein wichtiger Teil regionaler Identität.

Natürlich steht nicht bei jedem Bauprojekt ein Weinberg zur Diskussion. Trotzdem verändert jede weitere Ausdehnung von Siedlungen die Grenze zwischen bebautem Raum und Landschaft.

Und gerade diese Grenze ist im Rheingau sensibel.

Denn wer immer weiter in die Landschaft baut, riskiert langfristig genau das zu schwächen, was die Gegend attraktiv macht.

Attraktivität erzeugt ihren eigenen Druck

Eltville befindet sich dabei in einem klassischen Dilemma attraktiver Regionen.

Menschen möchten dort wohnen, weil Altstadt, Rhein, Weinberge, Natur und vergleichsweise kurze Wege in Richtung Wiesbaden und Rhein-Main eine hohe Lebensqualität bieten.

Je stärker diese Attraktivität die Nachfrage nach Wohnraum erhöht, desto größer wird aber der Druck, genau jene Landschaft weiter zu bebauen, die einen Teil dieser Attraktivität ausmacht.

Das ist kein Argument gegen Neubau.

Es ist ein Argument gegen gedankenlosen Neubau.

Ein Neubaugebiet mit großen Grundstücken und geringer Wohndichte beansprucht für dieselbe Zahl zusätzlicher Wohnungen deutlich mehr Boden als eine kompakte Bebauung. Gleichzeitig muss auch verdichtetes Bauen qualitätsvoll sein. Häuser einfach höher und Grundstücke vollständig dichter zu bebauen, ohne Grün, Aufenthaltsräume oder Verkehr mitzudenken, wäre das andere Extrem.

Die eigentliche Aufgabe lautet deshalb: mehr Wohnraum pro verbrauchtem Quadratmeter schaffen und trotzdem lebenswerte Quartiere erhalten.

Die Stadt selbst rechnet mit Entwicklung

Auch Eltvilles Haushaltsplanung macht deutlich, dass weitere Entwicklung durchaus einkalkuliert wird.

Im Haushaltsplan 2026 weist die Stadt ausdrücklich darauf hin, dass durch die Ausweisung und Entwicklung zusätzlicher Baugebiete weiteres Potenzial für Bevölkerungswachstum und den Zuzug von Familien mit Kindern entstehen kann. Auch zusätzliche Gewerbeflächen könnten die Stellung Eltvilles als Beschäftigungsstandort stärken.

Das zeigt einen wichtigen Punkt.

Stadtplanung entscheidet nicht nur darüber, wie Eltville heute aussieht. Sie beeinflusst, wer morgen hier wohnen und arbeiten kann.

Wird ausschließlich hochpreisiges Eigentum geschaffen, löst das andere Probleme als ein gemischtes Quartier mit kleineren Mietwohnungen, familiengerechten Wohnungen und barrierearmen Angeboten.

Die Zahl neu gebauter Wohnungen allein sagt deshalb wenig darüber aus, ob ein Bauprojekt tatsächlich zur Stadt passt.

Entscheidend ist, welche Wohnungen entstehen

Eltville braucht nicht einfach „mehr Häuser“.

Die sinnvollere Frage lautet: Welche Art von Wohnraum fehlt?

Eine alternde Bevölkerung braucht andere Grundrisse als Familien. Junge Erwachsene brauchen andere Angebote als wohlhabende Käufer aus dem Rhein-Main-Gebiet. Beschäftigte in Gastronomie, Pflege, Einzelhandel oder Handwerk benötigen Wohnraum, der auch mit normalen Einkommen finanzierbar ist.

Ein Bauprojekt mit 50 Wohnungen kann deshalb für eine Stadtentwicklung wertvoller sein als eines mit 30 Häusern, obwohl beide eine ähnliche Fläche benötigen könnten.

Auch bestehende Gebäude gehören in diese Betrachtung.

Große Einfamilienhäuser, in denen nach dem Auszug der Kinder noch ein oder zwei Personen wohnen, sind kein Problem. Sie zeigen aber, weshalb ein vielfältiger Wohnungsmarkt wichtig ist. Wer sich verkleinern möchte, braucht attraktive Alternativen im eigenen Ort.

Fehlen diese Wohnungen, findet der gewünschte Umzug nicht statt und vorhandener Wohnraum wird nicht frei.

Der beste Quadratmeter Bauland ist manchmal der, den man nicht neu erschließen muss

Für RheinNahDran ergibt sich daraus eine ziemlich klare Priorität.

Bevor neue Landschaftsflächen erschlossen werden, sollten vorhandene Möglichkeiten konsequent untersucht werden: Baulücken, Umnutzungen, Aufstockungen, bereits versiegelte Grundstücke, alte Gewerbeflächen und geeignete Bereiche zur Nachverdichtung.

Genau diesen Grundsatz verfolgt auch das Baugesetzbuch. Landwirtschaftliche Flächen und Wald sollen nur im notwendigen Umfang umgenutzt werden, während Möglichkeiten der Innenentwicklung ausdrücklich geprüft werden sollen.

Das bedeutet nicht, dass niemals ein neues Baugebiet entstehen darf.

Aber der Ortsrand sollte die letzte und nicht die erste Antwort auf Wohnraummangel sein.

Wachstum muss zum Rheingau passen

Eltville muss sich verändern dürfen.

Eine Stadt, in der überhaupt nicht mehr gebaut wird, kann ebenfalls Probleme bekommen. Familien finden keinen Wohnraum. Junge Menschen ziehen weg. Ältere Menschen finden keine geeigneten Wohnungen. Unternehmen haben Schwierigkeiten, Beschäftigte in der Nähe unterzubringen.

Doch Wachstum um jeden Preis wäre ebenso kurzsichtig.

Der Rheingau besitzt keine unbegrenzte Fläche. Und gerade seine Landschaft ist ein Teil seines wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kapitals.

Deshalb sollte die entscheidende Kennzahl bei neuen Projekten nicht allein lauten, wie viele Quadratmeter neu bebaut werden können.

Interessanter wäre die Frage: Wie viel zusätzlicher Nutzen entsteht auf der Fläche, die wir dafür verändern?

Wie viele Wohnungen entstehen? Für wen sind sie geeignet? Wie viel Boden wird versiegelt? Gibt es Grünflächen? Ist die Infrastruktur bereits vorhanden? Können Menschen Bahn, Bus oder Fahrrad nutzen? Und hätte derselbe Wohnraum auch innerhalb bestehender Siedlungsflächen geschaffen werden können?

Das sind unbequemere Fragen als ein einfaches Ja oder Nein zu Neubaugebieten.

Aber genau diese Fragen entscheiden darüber, wie der Rheingau in 20 oder 30 Jahren aussieht.

RheinNahDran meint: Eltville braucht neuen Wohnraum, aber nicht zwangsläufig immer neues Bauland. In einer Region, deren Lebensqualität so stark von Rhein, Weinbergen und gewachsenen Ortsbildern abhängt, sollte Innenentwicklung Vorrang haben. Verdichten, umnutzen und bestehende Flächen besser nutzen, bevor weitere Landschaft verschwindet. Denn der Rheingau darf sich entwickeln, ohne dabei Stück für Stück das zu verlieren, was Menschen überhaupt hierherzieht.

RheinNahDran. Menschen. Orte. Rheingau.

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